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Montag, 8. August 2011

Nachwuchssorgen, nahendes Ende der Ära Anja Dittmer

Anja Dittmer hat sich für die Olympischen Spiele 2012 in London qualifiziert. Nicht von vielen erwartet, aber von vielen erhofft, hat sich die mittlerweile 35-jährige Neubrandenburgerin im Herbst Ihrer Karriere noch einmal einen großen Traum erfüllt. Eine Karriere, die zu Zeiten begann, als Junioren noch über 1,5-40-10 starten mussten und diese Streckenlänge noch Kurz- und nicht Olympische Distanz hieß, als es noch keine Windschattenfreigabe gab und somit dem Radtraining die Bedeutung zukam, die heute das Schwimmtraining bei Kurzstrecklern einnimmt.
Anja Dittmer (rechts) feiert in London ihren größten Erfolg seit dem Vizetitel beim ITU World Cup im koreanischen Tonyeong im Frühjahr 2010. Photo: Janos M. Schmidt/ITU Media
Eine Karriere gespickt mit mittlerweile 8 Deutschen Meistertiteln, einem Europameistertitel, 7 Weltcupsiegen und dem Gewinn des Gesamtweltcups 2004. Eine Karriere die auf die Teilnahme an allen Olympischen Triathlons der Geschichte zurückblicken kann und im nächsten Jahr in London mit den 4 Olympischen Spielen vielleicht Ihren Abschluss feiern wird.
Eine Karriere, die leider nie den ganz großen Erfolg bei Olympia oder einer Weltmeisterschaft erleben durfte und die deshalb nie die ganz große mediale Beachtung bekam, die sie verdiente. 

Dank einer herausragenden Laufleistung und den wohl besten Sprintfähigkeiten: Anja Dittmer darf sich auf die bereits 4. Teilnahme bei den Olympischen Spielen im Triathlon freuen. Photo: Delly Carr/ITU Media
Hier war und ist keine Selbstdarstellerin am Werk, sondern eine Triathletin die Ihren Sport seit rund 20 Jahren auf höchstem Niveau betreibt, die liebt was sie tut, die trotz vielfältigster Angebote immer für Ihren Heimatverein SC Neubrandenburg gestartet ist und die jetzt in London von einer Erfahrung zehren konnte, die keine andere Athletin im Feld auch nur ansatzweise aufweisen kann.

Sie wusste genau, was es zu tun galt, wie zum Beispiel das Schwimmtraining noch einmal komplett umzustellen (seit dem vergangenen Jahr trainiert Anja im Saabrückener Schwimmverein), um die entscheidenden Sekunden, die Ihr oft am Erreichen der ersten Radgruppe fehlten, wettzumachen, oder Ihren Lieblingswettkampf in Hamburg auszulassen und dafür lieber noch einen Trainingsblock im Höhentrainingslager einzuschieben.

Dass sie läuferisch gut drauf war, sah man bereits im Frühjahr bei den Deutschen Meisterschaften der Leichtathleten, wo Sie trotz verbummelten Beginns 34:24 Minuten über die 10.000m lief. Dass wiederum nicht nur der Speed, sondern auch der Kopf wichtig ist, bewies Sie in negativer Hinsicht bei den WCS Triathlons in Madrid und Kitzbühel, wo Sie nur aus der zweiten Radgruppe kommend, ihre läuferischen Möglichkeiten nicht voll ausschöpfen konnte.

In London kam nun alles zusammen, das monatelange harte Training, der weitgehende Verzicht auf ein Leben außerhalb des Sportes, ihre jahrelange Erfahrung in Sachen Trainingsaufbau und Wettkampfstrategie, die ideale Ausgangsposition im Rennen und nicht zuletzt die Tagesform. Was nun noch fehlt, ist ein motiviertes Rennen in London 2012, nicht so defensiv abwartend wie in den vergangenen drei Olympischen Triathlons, damit der geneigte Triathlonfan dann seinen Hut lüften kann, falls die „Grande Dame“ der deutschen Triathlon-Szene den Jüngeren das Feld überlässt.

Und diese treten wahrlich ein schweres Erbe an. Fast eine Dekade lang dominierten Anja Dittmer, Joelle Franzmann und Christiane Pilz den Frauentriathlon über die Olympische Distanz in Deutschland. Immer wieder hörte man von schnellen Juniorinnen, die dann doch nie bei den Frauen auftauchten. Die Letzte, der das gelang, war Ricarda Lisk, deren Stern allerdings auch schon zu verblassen droht. Rebecca Robisch, die Überläuferin im Nachwuchsbereich, muss erfahren, dass es bei den Frauen eine Menge anderer Athletinnen mit Ihrem Laufvermögen gibt, die aber oft deutlich schneller schwimmen können als sie. Kathrin Müller, eine solide Arbeiterin, aber ohne den ganz großen Punch. Und auch Anne Haug blieb der große Durchbruch in der ITU WCS bisher verwehrt.

Bleibt noch Svenja Bazlen, die jetzt in London mit Platz 13 denkbar knapp an der direkten Qualifikation scheiterte und in der aktuellen Saison mit zwei 9. und einem 10. Rang konstant in den Top 10 der WCS anzutreffen war. Sie wird diese verpasste Qualifikation zweifellos nachholen und ebenfalls in London zu sehen sein. Aber um an die Erfolge der drei obengenannten Triathletinnen anzuschließen, bedarf es noch etwas Arbeit im Laufbereich. Sie ist aber im Moment die Erste, die vielleicht einmal in die großen Fußstapfen einer Anja Dittmer treten könnte.
Svenja Bazlen (links) kann mittelfristig Anja Dittmers Position als No. 1 bei der DTU beerben. In London scheiterte sie nur um einen Hauch an der Norm und verbuchte bereits drei Platzierungen in den Top 10 der WCS 2011 für sich. Photo: Janos M. Schmidt/ITU Media
Und im weiblichen Nachwuchs der Deutschen Triathlon Union? Dort feiert die DTU mit Hanna Philipin gerade eine Europameisterin. Eine Sache, die selbst Anja nie hinbekam. Für Sie stehen zwei Vizeeuropameistertitel bei den Juniorinnen in der Vita. Wenn man allerdings einmal die Laufzeiten über die Jahre vergleicht, sieht man, dass beide ungefähr gleiche Tempi gelaufen sind.....mit dem feinen Unterschied, dass Anja damals nicht 5, sondern 10km unterwegs war, und vorher bereits 1,5km geschwommen war und ein Einzelzeitfahren über 40 Kilometer in den Beinen hatte. Und wie auch schon die von Verletzungen und Krankheiten in den vergangenen Jahren gebeutelte Robisch zeigt, bedeuten Titel im Nachwuchs nicht automatisch vordere Plätze in der Elite.

Einen erfolgreichen Leistungstransfer aus den jüngeren Klassen sieht man derzeit bei den U23-Weltmeiterschaften. Gold- und Silbermedaillengewinnerinnen und Gewinner waren in den letzten Jahren zunehmend in der Lage auch im Feld der Elite schnell Fuß zu fassen.

Vielleicht muss die DTU ähnlich, wie der Verband der USA (USAT) stärker bei anderen Sportarten nach Taleten suchen. Als idealer Hintergrund erweist sich aktuell eine Kombination aus Schwimmen und Cross- oder Mittelstreckenlauf - eine Sportartenkombo in der die momentan kaum zu schlagenden Brownlee-Brüder bei den Elite-Männern ihre Wurzeln haben. Gwen Jorgensen, ebenfalls in London mit einem herausragendem Podiumsplatz für London 2012 qualifiziert, wurde von Talentsichtern aus dem reichhaltigen Fundus der universitären Schwimm- und Laufspezialisten rekrutiert.

Mit Gwen Jorgensen scheint USAT einen echten Glücksgriff aus dem Lager der Spezialisten rechtzeitig vor den Olympischen Spielen in London transferiert zu haben. Photo: Janos M. Schmidt/ITU Media
Hoffnung macht aktuell eine Quereinsteigerin in der Jugend B, die sich erst seit April 2011 intensiv mit dem Triathlon auseinandersetzt. Charlotte Ahrens schwimmt 400m in 4:37min auf der Langbahn, läuft 1000m in 3:11min und 200m in 28 Sekunden. Die grundlegenden Fähigkeiten und motorischen Fertigkeiten für Spitzenleistungen sind vorhanden. Nun gilt es den langen und entbehrlichen Weg in die internationale Spitze verantwortungsvoll zu begleiten.

Deshalb freuen wir uns, dass wir noch eine Dittmer haben, wünschen ihr noch einmal die Kraft für ein weiteres Jahr hartes Training und drücken ihr die Daumen für ein letztes großes Rennen in London 2012, bevor es für sie sicherlich endgültig in den goldenen Herbst ihrer langen Karriere geht.

Gastbeitrag von Jan Müller